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Domaine Rietsch

Die Wurzeln der Familie Rietsch im elsässischen Mittelbergheim gehen bis in das 17. Jahrhundert zurück. Über Generationen befindet sich der nahe der Dorfkirche gelegene Gutshof bereits in Familienbesitz. Weinbau spielt bei Rietsch allerdings erst seit Beginn der 1970er Jahre eine zentrale Rolle. Zuvor existierte die Domaine als klassischer Mischbetrieb. Neben Getreide und Tabak wurde auch Wein produziert. Erst Doris und Peter Rietsch, die Eltern der heutigen Inhaber, haben das Weingut voll und ganz auf die Produktion von Wein fokussiert.

Aktuell hält die Folgegeneration das Ruder fest in der Hand. Jean-Pierre Rietsch und seine Schwester Annelise erzeugen heute einige der interessantesten Weine im gesamten Elsass. Während Annelise gemeinsam mit ihrem Mann Valmont für die Pflege der Weingärten zuständig ist, kümmert sich Jean-Pierre um die Vinifikation der Weine. Seine Frau Sophie ist für das Administrative zuständig. 

Jean-Pierre ist ein alter Hase. Bereits 1987 produzierte er seinen ersten „eigenen“ Jahrgang. Gemeinsam mit seiner Schwester beschloss er bereits 2006, die ersten Schritte hin zum naturnahen Weinbau zu wagen. In der Folge wurden die 9 ha Rebfläche der Domaine in den biologischen Weinbau überführt. Seit 2009 sind sämtliche der insgesamt 45 Weinbergsparzellen Bio-zertifiziert. Darunter auch Weingärten in den Grand Cru Lagen Wiebelsberg und Zotzenberg.

Das einzigartige Lagenportfolio der Domaine sorgt für eine Vielfalt an spannenden Terroirs. Direkt unterhalb von Mittelbergheim, in Laufdistanz zum Gutshof, befindet sich die Lage Stein. Hier stehen die Reben auf reinen Kalkböden mit einer dünnen, rund 40cm breiten Lehm-Kalk-Auflage. Neben Riesling und Pinot Noir bewirtschaftet die Domaine hier auch einige Parzellen mit Muskateller. In den letzten Jahren hat Jean-Pierre kontinuierlich auf permakulturellen Weinbau umgestellt. Die Böden werden seither ausschließlich mit dem Pferdepflug bewirtschaftet. 

In den sanft in die Vogesen aufsteigenden Hügeln oberhalb des Ortes liegen gleich mehrere bedeutende Weinberge der Familie Rietsch. Einer der persönlichen Lieblinge von Jean-Pierre ist dabei die Lage Brandluft, mit ihrem von Quarzeinschlüssen durchsetzten Kalk- und Sandsteinböden. In direkter Nachbarschaft befindet sich mit dem Zotzenberg die wohl bedeutendste Lage der Domaine. In den 1990er Jahren als Grand Cru eingestuft, weist dieser unterhalb des Château d’Andlau gelegene Weinberg eine größtenteils perfekte Südausrichtung auf. Auf den kompakten Unterböden aus Kalkstein mit hohem Eisenanteil liefern die Reben hier einige der komplexesten und intensiv-mineralischen Weine des gesamten Elsass. 

Etwas weiter südlich gelegen zählt die zweite Grand Cru-Lage der Domaine bereits zur Gemarkung Andlau. Im südwestlich ausgerichteten, recht steilen Hang namens Wiebelsberg besitzt die Familie Rietsch zwar nur eine 10 Ar große Parzelle. Diese zeichnet sich jedoch durch ihre reinen Sandsteinböden aus und liefert einen äußerst fokussierten und gradlinigen Riesling. Lediglich rund 500 L dieses raren Weins werden jedes Jahr von der Domaine Rietsch produziert.

Doris und Peter Rietsch hatten bereits in den 1970er Jahren den Grundstein für die naturnahe Bewirtschaftung sämtlicher Weinberge gelegt. Gezielt hatten sie sich damals vom vorherrschenden monokulturellen Weinbau abgewandt und waren polykulturellen Ansätzen gefolgt. So ließen sie beispielsweise üppigen Bodenbewuchs zu, legten Gemüsegärten in den Wingerten an und pflanzten Büsche und Hecken an den Rändern ihrer Weingärten.

Annelise und Jean-Pierre setzen diesen Weg konsequent fort. Auch im Keller. Nachdem Jean-Pierre Anfang der 2000er Jahre damit begonnen hatte, gezielt vins naturels aus verschiedenen Regionen Frankreichs zu verkosten stellte er schnell fest, dass es seinen eigenen Weinen an Ausdruck und Spannung fehlte. Vor allem die behutsame und gesteuerte Oxidation und die dadurch intensivierte Mineralität einiger naturnah produzierter Weine faszinierten ihn nachhaltig.

Jean-Pierre begann, seine eigene Weinstilistik rigoros umzukrempeln. Angeleitet von vin naturel-Größen wie Patrick Meyer begann er die kellertechnischen Eingriffe bei der Erzeugung seiner Weine auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Gleichzeitig zeigte er sich offen für ungewöhnliche Schritte bei der Weinerzeugung. So experimentiere Jean-Pierre frühzeitig mit kleinen Tonamphoren oder unterzog seine Weißweine einer vollumfänglichen Maischegärung. Bei der Erzeugung seiner Crémants setzt er den fertigen Grundweinen beispielsweise lediglich Most des Folgejahres zu. Er verzichtet dabei vollständig auf die Zugabe von Zucker oder Champagnerhefen. 

Die Pflege der Biodiversität in den Weingärten liegt Jean-Pierre und Annelise besonders am Herzen. Ihr neuestes Projekt ist der Aufbau eines autarken Gemüsegartens in Permakultur. Die lockeren oberen Schichten der Böden rund um Mittelbergheim eignen sich perfekt für den Anbau von Gemüse, da sie einen recht hohen Lehmanteil aufweisen und leicht zu durchwurzeln sind. Ziel ist es hierbei auch, ein System der Kompostwirtschaft zu entwickeln, das bei der Anreicherung der Böden mit Nährstoffen helfen soll. 

Die Domaine Rietsch produziert zwei Weinlinien. Die Weine der klassischen Linie werden aus biologisch erzeugten Trauben vinifiziert. Diese werden manuell geerntet und anschließend nach einer bis zu 12-stündigen schonenden Pressung spontan vergoren. Jean-Pierre verzichtet auf Schritte wie Chaptalisierung, Klärung oder Säurebehandlung. Ziel ist auch hier, möglichst unverfälschte Terroir-Weine zu erzeugen. Alle Weine der klassischen Linie werden weisen eine deutliche Restsüße auf. Sie erhalten daher bei der Abfüllung eine geringe Dosis an SO2 zur Stabilisierung und Haltbarmachung. Die Weine der zweiten Linie sind im besten Sinne des Wortes vins naturels. Neben der streng biologischen Bewirtschaftung der Weinberge werden diese Weine unter grundsätzlichem Verzicht auf Additive, Korrektive sowie den Zusatz von Schwefel erzeugt.